Kultur & Gesellschaft

Der Kaiser und das kleine Türl

von Alfred Komarek

In einem seiner unzähligen Briefe an die Burgschauspielerin Katharina Schratt schrieb Franz Joseph: „Theuerste Freundin, wenn es Ihnen nicht zu unbequem ist, würde ich mir erlauben, die unbescheidene Bitte an Sie zu richten, dass Sie die Güte hätten, heute um 1/2 7 Uhr durch das kleine Türl in unseren Garten zu kommen."

Des Kaisers Freundin von Elisabeths Gnaden hatte einige Jahre den Sommer auf Schloss Frauenstein bei St. Wolfgang verbracht, und schon einer der ersten Briefe Franz Josephs zeichnet ihn so, wie er vermutlich gerne gewesen wäre, ohne seinen beschwerlichen Beruf: „Ich werde um 7 Uhr früh von hier nach St. Wolfgang fahren, und mich dort zu Fuß durchfragen, bis ich Frauenstein gefunden habe." Eine Majestät, die sich durchfragt!

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Als Frauenstein als Quartier nicht mehr in Frage kam, murrte der Kaiser brieflich, „der neue Besitzer muss eine Art Ungeheuer sein" - und stellte Frau Schratt die Villa Felicitas auf der Straße nach Pfandl zur Verfügung. Damit bekam das vorhin erwähnte „kleine Türl" seine besondere Bedeutung für den täglichen Weg von der Kaiservilla zur Schratt-Villa. Der kleine Pfad durch den hinteren Teil des Kaiserparks zur Umzäunung ist heute verwachsen, ein Stück führt er sogar durch den Komposthaufen- es ist ja kein Kaiser mehr unterwegs, den dieser Umstand stören könnte. Jedenfalls muss es ein schöner, genussreicher Beginn des Spaziergange gewesen sein: Zur rechten Hand das verspielte Marmorschlössel, Wolkenkuckucksheim für Elisabeth und das für sie im Achteck erbaute Spiegel-Lusthaus, zur Linken der freundliche Siriuskogel mit der Kaiser-Franz-Josephs-Warte, hoch überragt vom Felsgipfel der Katrin mit dem Franz-Josephs-Kreuz, und am Fuß des Berges, nicht zu sehen, aber geschätzt und vertraut, das ihm gewidmete Jagdstandbild. Das „kleine Türl", des Kaisers ureigenstes und privatestes, ist allerdings nicht mehr vorhanden, wozu auch. Die Bewohner der Häuser entlang des nunmehr versperrten Weges wissen aber noch sehr gut aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, wie der Kaiser seine Schritte lenkte und sich geraume Zeit vorher die „Geheimen" im Gebüsch verbargen, um lästige Bittsteller oder gar ernstere Bedrohungen abzuwenden. Einmal kam es sogar zum Disput zwischen den „Geheimen" und einem Anrainer, der sich bitter darüber beschwerte, dass fallendes Laub und Äste aus dem Kaiserpark das Holzdach seines Hauses beschädigten. Die Beschwerde drang ans Ohr des Monarchen, und der ließ eiligst eine goldene Uhr überreichen - man will doch keinen Unfrieden, nicht an dieser Strecke Weges.

Nach dem Verlassen des Kaiserparks führte der Weg dann nach rechts, Richtung Doppelblick, vorbei am „Kaiserdörfl", und wenig später, nach dem Bildstock, steil hinunter zur Ischl. Nun folgte der Monarch auf der heutigen Kreuternstraße dem Ufer, vorbei an jenem Haus Nr. 6, in dem später Carl Michael Ziehrer vier Sommer verbringen sollte, zum Dammweg, der bis nach St. Wolfgang führt. Belebten Schrittes überquerte Franz Joseph den munteren Jainzenbach und gelangte endlich zum Gebäude der ehemaligen Trenkelbachschmiede, in der noch in den fünfziger Jahren die Hämmer dröhnten. Dort hielt der Kaiser erst einmal fröhlich inne und rief launig, aber doch mit einiger Autorität: „Die schöne Schmiedin soll herauskommen!" Diese zeigte sich dann auch und war wirklich ein belebender Anblick. Somit konnte erwartungsvoll beschleunigten Schrittes die Ischl auf dem eigens errichteten Steg überschritten werden. Nun ging es zwischen dem Fluss und einem lieblichen Bächlein, das heute im Volksmund „Schrattbacherl" heißt, durch ein lichtes Waldchen dem Ziele zu.

Was dann der Kaiser dort tat oder bleiben ließ, wird allenthalben mit der peinlichsten Diskretion beschrieben und analysiert. Wir wollen ihm hingegen sein kleines "Türl" lassen und erst recht die Freude, die er daran hatte, gar so viel gab‘s nicht davon in seinem Leben. Und wir wollen uns auch die Pikanterie verkneifen, für die Rückkehr nach Ischl den „Kaiserin Elisabeth-Waldweg" zu wählen.
(Aus „Salzkammergut", Kremayr und Scheriau, Wien.)

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